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Kronenkranich in seinem naturnahen Gehege im Vogelpark Marlow in Mecklenburg-Vorpommern

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Kranichschutz oder Kranichhaltung - Der Versuch einer Versöhnung

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Haltung und Vermehrung von Kranichen in Menschenobhut - Beitrag zum Artenschutz oder Plünderung natürlicher Ressourcen?

Gleich vorweg:
Ist die Frage wirklich richtig gestellt? Ist die Haltung in Menschenobhut und das Engagement im Kranichschutz wirklich ein unauflösbarer Widerspruch?

Der Verfasser macht den Versuch einer Versöhnung.

Wer einmal der Faszination der grossartigen Vögel erliegt und crane-crazy geworden ist, der riskiert, einen nicht unerheblichen Teil seines Lebens diesen wunderbaren Vögeln zu widmen.
Das ist im Idealfall ein grosses Engagement für den Schutz, den Erhalt, aber auch für die Beobachtung der Kraniche. Möglicherweise wird er aber auch den Wunsch verspüren, diese bemerkenswerten "Vögel des Glücks" selbst zu halten, zu studieren und zu vermehren.

Auch das ist nicht grundsätzlich verwerflich. Es gibt wohl keinen bedeutenden Artenschützer, der nicht wenigstens zu irgendeiner Zeit seines Lebens auch ein begeisterter Tierhalter war.

Das muss nicht immer toll für die betroffenen Tiere gewesen sein - Teichmolche gehören nicht in ein 20-Liter-Gefäss - aber es entsprang einem echten Interesse am lebenden Tier. Das Interesse am lebenden Tier ist die absolute - wenn auch keineswegs einzige - Voraussetzung, um ein guter Artenschützer zu werden.

Kraniche im Morgenlicht

In dem hier vorliegenden Beitrag will der Verfasser versuchen, Hinweise zu geben für eine Versöhnung zwischen Kranichhaltern und Kranichschützern, denn die gemeinsame Wurzel von beiden liegt in der Liebe zu diesen grossen Vögeln, die man bedenkenlos als die weltweit faszinierendsten grossen Vögel bezeichnen kann. Es sind Gedankensplitter, über die man nachdenken kann und streiten und die genau dazu geschrieben werden: Zum Nachdenken, zum darüber Streiten und zum Diskutieren.

Die Sichtweise ist ziemlich subjektiv und ich erlaube mir deshalb an dieser Stelle, in die subjektive Ich-Form zu wechseln. Es ist meine ganz persönliche Auffassung und nicht die "reine Wissenschaft". Es ist eine Auffassung, die sich in vielen Jahrzehnten der Beschäftigung mit Tieren, insbesondere mit Vögeln und da wiederum ganz besonders mit Kranichen herausgebildet hat, die aber immer noch Spielraum für Korrekturen hat.

Buchdeckel von Old Bill der schreiende Kranich

Das Interesse an und später die Liebe zu Kranichen lässt sich bis in mein 6. oder 7. Lebensjahr zurückverfolgen und wurzelt in dem Buch Nr. 5. Ich vermute, dass ich die Nummerierung damals chronologisch durchgeführt habe und dass dieses Buch, das bei mir noch aus der Kinderzeit die Nummer 5 trägt, das 5. Buch war, das ich mein eigen nennen durfte.
Ich habe schon als Kind gerne gelesen und das Buch Nr. 5 habe ich heute noch. Es ist von J.W. Lippincott und hat den Titel "Old Bill, der schreiende Kranich" - ein Kinderbuch, dass die traurige, aber auch spannende und in manchen Passagen auch hoffnungsvolle Geschichte der amerikanischen Schreikraniche schildert.
Ich wüsste kein anderes Buch, dass mein ganzes Leben so nachhaltig beeinflusst hat, wie dieses Kinderbuch.

Das Schicksal des Schreikranichs lag mir immer am Herzen und kaum eine andere Vogelart zeigt so eindrucksvoll, wie glücklich die Verbindung von Artenschutz im Freiland und in Menschenobhut sein kann: Ohne die Vermehrung in Menschenobhut gäbe es diese schöne Kranichart nicht mehr.

Die Erfahrungen mit den amerikanischen Schreikranichen zeigen deutlich die Möglichkeiten, die Notwendigkeiten, aber auch die Grenzen einer Vermehrung von Wildtieren in Menschenobhut.

Der Schreikranich ist nicht die einzige Art, bei der das gut geklappt hat. Spix-Ara und Rosa-Taube von Mauritius, Wisent und Arabische Oryx sind nur einige prominente Beispiele, die heute ohne Erhaltungszucht in menschlicher Obhut ausgestorben wären.
Spix-Aras leben derzeit ausschliesslich in Menschenobhut, von den drei anderen Arten konnten durch Auswilderung von Zoo-Tieren schon wieder einigermassen stabile Freilandbestände aufgebaut werden.

Waldrapp im naturnahen Gehege im Vogelpark Marlow in Mecklenburg-Vorpommern

Auch der Mandschurenkranich und der Waldrapp (Foto) wären ohne die umfangreichen Hilfsmassnahmen vielleicht schon verschwunden. Uhu und Luchs, Grosstrappe und Bartgeier sind zwar weltweit nicht unmittelbar vom Aussterben bedroht, konnten aber auch in Deutschland bzw. Mitteleuropa erfolgreich wieder angesiedelt werden, weil es genügend Nachzuchten aus Gehegen gab und gibt.

Trotzdem sollte auch den Tierzüchtern klar sein, dass ihr Beitrag kein Ersatz für den Erhalt der natürlichen Lebensräume ist. Mehr als der wirklich zweitletzte (der allerletzte ist das zu Recht umstrittene Klonen) Rettungsring ist das nicht und ohne den Erhalt oder die Neuschaffung akzeptabler Lebensräume in freier Wildbahn ist die Vermehrung einer Art in Menschenobhut nicht viel wert. Aber manchmal ist eben ein renaturierter Lebensraum auch nichts wert für eine bestimmte Art, wenn es keine auswilderungsfähigen Tiere der Art in Menschenobhut gibt.

Tierzucht erfordert vor allem Erfahrung. Beim Schreikranich z.B. hat man viele wertvolle Jahre verloren, weil man solche Erfahrungen erst mit der am stärksten bedrohten Art selbst gesammelt hat. Das ist nicht nötig, wenn man rechtzeitig beginnt, die Erfahrungen mit weniger gefährdeten Arten zu machen.
Meine Empfehlung für Kraniche würde also lauten: Lernt heute die artgerechte Vermehrung von Grau- und Jungfern- und Kanadakranichen - von allen drei Arten gibt es noch sechsstellige Freilandbestände - damit ihr morgen in der Lage seid, erfolgreich (!) mit den letzten Schneekranichen zu züchten (und bitte erzähle mir jetzt niemand, dass die Schneekranich-Verhaltenskrüppel, die heute ganz überwiegend die Zuchtanlagen bevölkern, eine erfolgreiche (!) Zucht darstellen . . . )

Mehr Unterstützung für die Vogelzüchter!
Für diese wichtige Aufgabe sollten Tierzüchter - die sich strengen zoo-ethischen Regeln unterwerfen müssten - Unterstützung erhalten sowohl vom Staat, als auch von nicht-staatlichen Artenschutzorganisationen.

Im Gegenzug müssten die Tierzüchter (hier also speziell die Kranichzüchter) ihr Hobby mehr als bisher in den Dienst des Artenschutzes stellen. Auch hier kann es als vorbildlich gelten, wie in Deutschland mit der Erhaltungszucht des Spix-Aras verfahren wird:
Der gesamte deutsche Bestand liegt in den Händen einer Gruppe von privaten Vogelhaltern, die die Zeichen der Zeit erkannt und mit ihrem Hobby verbunden haben. Von den weltweit weniger als 100 Spix-Aras lebt (und brütet!) etwa ein Zehntel bei diesen engagierten Züchtern. Sie sind weltweit anerkannt, haben die Unterstützung der Behörden und wissen, dass sie Grosses für den Artenschutz leisten.

Was spricht denn eigentlich dagegen, jede in Menschenobhut gehaltene, bedrohte Art in eine Bestands- und Zuchtdokumentation aufzunehmen? Und bitte jedes Tier, auch die kranken, mit denen nicht weitergezüchtet werden soll.
Vor 30 Jahren war das noch ein Problem mit der aktuellen Kommunikation. Heute aber gibt es dank Internet und leistungsfähiger Verwaltungssoftware die Möglichkeit, sämtliche Informationen über eine Art bzw. die in Menschenobhut gehaltenen Individuen der Art weltweit in Sekundenbruchteilen an jedem Ort der Welt zur Verfügung zu haben bzw. hochzuladen. Man muss es nur machen!

"Die Vogelhaltung ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Wenn keine Tiere für die Haltung in Gefangenschaft entnommen würden, würden die Arten nicht aussterben." Das ist eine beliebte Argumentation vieler Artenschützer.

Nein liebe Artenschützer - ihr irrt! Keine Kranichart wird durch die Kranichhaltung in ihrem Bestand auch nur bedroht.
Es gibt Tierarten, für die dieses Argument nicht von der Hand zu weisen ist. Aber dank Washingtoner Artenschutzabkommen (WA) ist diese Gefahr seit einigen Jahrzehnten einigermassen gebannt. Leider nicht vollständig, denn Schmuggler und andere Gesetzesbrecher gibt es immer noch.

Die Ursachen für das Verschwinden der Arten:
Und trotz einiger Missstände wage ich die Behauptung, dass es nicht die Vogelhalter sind, die den Bestand der Arten gefährden. Nicht einmal beim Hyazinth-Ara ist das der Fall, obwohl der durch den Fang wirklich dezimiert wurde.
Aber selbst bei dieser Art geht die Bedrohung von ganz anderer Seite aus, z.B. von den "Hamburgern": Unvorstellbare Flächen ökologisch wertvollsten Landes (z.B. im brasilianischen Pantanal) werden bis heute immer noch und sogar immer schneller umgewandelt in Rinderweiden, damit den grossen Nahrungsmittelkonzernen billiges Fleisch zur Verfügung steht, das sie in Form von "Hamburgern" u.ä. an die Verbraucher verkaufen können. Sozusagen an jeden einzelnen von uns.

Die Gefahr für die Natur geht aus von "grünen Autofahrern", die es für einen Fortschritt halten, Palmöl durch den Auspuff zu jagen. Es ist ja ein nachwachsender Rohstoff - welch ein Fortschritt! Allerdings können in Palmöl-Plantagen keine Wildtiere mehr leben. Jeder Liter Palmöl ist ein Verbrechen an der Natur.
Agrosprit (fälschlicherweise auch als Bio-Sprit bezeichnet - passender wäre Todes-Sprit) ist nicht nur eine Katastrophe, weil Nahrungsmittel durch Automotoren gejagt werden, sondern weil für jeden Liter ein Stück ursprüngliche Natur hat sterben müssen. Agrosprit bedeutet Artenschwund!

In Deutschland gibt es keine Palmöl-Plantagen (aber ja auch keine Orang-Utans), hier haben wir die Raps-Monokulturen. Gerade das Kranichland Mecklenburg-Vorpommern ist voll davon. Der Kranich hat sich anpassen können - er brütet in Deutschland im Maisschlag und am Rande von Rapsfeldern. Früher galt er als Vogel der ausgedehnten Moore - sie sind völlig verschwunden:

Sie sind geopfert worden für die naturverbundenen Hobby-Gärtner und Blumenfreunde, die sich damit den Vorwurf gefallen lassen müssen, in Deutschland in die Kategorie der schlimmen Umweltsünder zu gehören. Noch mehr Gartentorf verschlingen die Gemüse- und Blumengärtnereien Hollands. Unvorstellbare Flächen der Torfmoore hat man in Deutschland und Holland zerstört, um Gartentorf zu gewinnen.
Heute gibt es solche Gebiete fast gar nicht mehr, kein Birkhahn kollert wie noch vor weniger als 40 Jahren und den Brachvogel kennt man nur noch von Hörensagen. In Deutschland sind die Moore meiner Jugend verschwunden, heute kommt der Torf aus Polen. Wie lange noch, wann ist dort das letzte Moor zerstört?

Mit alle dem haben die Vogelhalter und Vogelzüchter nichts zu tun (eher noch die Jäger, die am Verschwinden des Birkhuhns in Deutschland nicht ganz unschuldig sind). Aber die Vogelzüchter haben keine Lobby wie die Bauern und die Torfproduzenten, von den grossen Konzernen wie Unilever, Nestlé und dem schlimmen Handelskonzern Cargill ganz zu schweigen.
Die Vogelzüchter sind ein leichtes Ziel - im Sinne des Artenschutzes aber ein gänzlich untaugliches.

Und genau hier setzt meine Hauptkritik in Hinsicht auf die "reinen Artenschützer" an:

Ich erwarte ja gar nicht, dass jede(r) meiner relativ züchterfreundlichen Argumentation folgt. Man muss Tierhaltung nicht gut finden und tatsächlich wird sie oft mit so wenig Fachwissen betrieben, dass an Artenschutz in Menschenobhut nicht zu denken ist.

Aber die Umweltzerstörer sind nicht die Kranichzüchter und wer glaubt, einen Beitrag zum Artenschutz zu leisten, indem er gegen die Tierhalter vorgeht, der versäumt die nötige Auseinandersetzung mit den wirklichen Umweltzerstörern.

Dazu ein Beispiel:
Vor einiger Zeit habe ich einen TV-Beitrag gesehen, der über einen Kleinvogel-Händler im Ruhrgebiet berichtete. Der Mann hatte Vögel und Ringe manipuliert und damit in etwa 10 Jahren angeblich wohl an die 100.000,- Euro verdient. Was er gemacht hat, war zweifellos nicht in Ordnung - solche Leute gehören bestraft und mit einem Vogelhaltungsverbot belegt.

Aber mit dem Bestand an wildlebenden Kleinvögeln in Deutschland (es ging um Stieglitze und Buchfinken etc.) hat sein gesetzeswidriges Verhalten nicht das geringste zu tun. Der Buchfinkenbestand in Deutschland wird seriös auf etwa 10 Millionen Tiere geschätzt!

Da müsste man schon eher die Autofahrer oder die Katzenhalter verfolgen, die jedes Jahr mehrere Millionen Vögel töten.

Dazu einige Angaben:
Auf den Strassen Deutschlands werden jedes Jahr mehrere Millionen Vögel getötet. Da dies in besonders starken Umfang während der Balz- und Brutzeit geschieht, kommen wahrscheinlich noch mindestens Hunderttausende, wenn nicht wiederum Millionen an Jungvögeln hinzu, die gar nicht schlüpfen oder verhungern, weil der Altvogel von der Nahrungssuche nicht wiederkommt.
Bei Luchs, Dachs und Feldhase ist der Straßenverkehr mit bis zu 50 Prozent Anteil an der Gesamtsterblichkeit die häufigste Todesursache.

Es gibt in Deutschland etwa 8,4 Millionen Hauskatzen, rund zwei Millionen davon sind verwilderte Tiere, die gezwungen sind, sich ihre Nahrung selbst zu suchen. Katzen fressen Vögel genauso gerne, wie andere Kleintiere. Rechnen Sie einfach selbst mal ein bisschen . . .

Aber selbst diese hohen Zahlen sind nichts gegen die Lebensraumvernichtung für die Vögel, an der jeder Mensch in Deutschland zumindest indirekt beteiligt ist: Versiegelung der Landschaft durch immer neue Strassen, Trockenlegung von Feuchtgebieten für die Landwirtschaft oder Umwandlung von wertvollen Altholzbeständen in forstgerechte Monokulturen - das sind nur einige wenige Stichpunkte.

Noch einmal: Ich bin gegen unsachgemässe Vogelhaltung. Ich akzeptiere auch, wenn jemand die Tierhaltung vollständig ablehnt. Und drittens bin ich für die Bestrafung von Vogelhaltern, die ihrem Hobby ausserhalb der Gesetze nachgehen.
Aber mit dem Artenschwund bei uns in Deutschland haben die Vogelhalter nun wirklich nichts zu tun.

Jeder Natur- und Artenschützer, der dieser unbestreitbaren Erkenntnis entgegen handelt und seine Kraft für den Kampf gegen die Wildvogelhaltung verschwendet, macht sich schuldig, weil die wirklichen Ursachen nicht angepackt werden.

Ich wünsche mir eine weniger vorurteilsbelastete Zusammenarbeit zwischen denen, die versuchen, Artenschutz im Freiland zu betreiben und denen, die die Vermehrung in Menschenobhut für einen guten Weg halten.
Für die Vogelzüchter heisst das aber auch, dass sie sich mit ihren Zuchtbemühungen stärker einbringen müssen in den Artenschutzgedanken. Irgendwelche Leistungswettbewerbe auf Vogelausstellungen haben bei einer solchen Zielsetzung keinen Platz. Wildvögel - auch gezüchtete Wildvögel - gehören nicht in kleine Käfige. Schlimm genug, wenn man da Kanarienvögel und Wellensittiche reinsperrt.


Dieser Beitrag wird zeitnah fortgesetzt. Die letzte Ergänzung war am 15.11.2015


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